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NUTZER JA, VERHALTEN NEIN – IM RAUSCH DER EMPOERUNG

Warten lässt sich auf vieles. Auf Inspiration etwa. Nun verhält es sich mit Inspiration aber nicht grundlegend anders als mit Liebe oder Fremdstolz: Man muss ihre Existenz keineswegs dem Zweifel anvertrauen, um ihre Adelung zum Konzept für fragwürdig zu halten. Wer von Inspiration ergriffen wird, eilt sich gern zu betonen, wie essenziell, ja unabkömmlich die vorangegangene Episode des kontemplativen Harrens gewesen sei. Und hofft inständig, nicht für das evasive Verquasungsmanöver haftbar gemacht zu werden, das die Verwendung dieser vom Ufer des Esoterischen abgeschöpften Vokabel darstellt: Zunächst einmal ist der Verweis auf die Abwesenheit von Inspiration als Ausflucht fürs Nichtstun nämlich nichts weiter als eben dies: Nichtstun.

Ich warte auf Inspiration, sagt der Autor. Du tust gar nichts, antwortet die Lektorin. Ich warte auf den Bus, sagt Frau Schirrmacher. Ja, das tun Sie, bestätigen die Mitwartenden unisono, ehe sie ein kollektives Kopfschütteln orchestrieren: Auf nichts ist mehr Verlass; schon gar nicht auf die städtischen Verkehrsbetriebe.

Nicht nur auf vieles lässt sich warten – auch auf viele Weisen. Grundsätzlich gilt: Je trivialer der Kontext, in dem gewartet wird, desto ausgeprägter die Hysterie. Internetanbietern und Paketdiensten schlägt regelmäßig der Scheuklappenzorn solcher Menschen entgegen, denen man schmeicheln würde, nennte man sie wohlstandsverwahrlost. Manch einer wird es für gestrig befinden, dem Komiker Louis C.K. zuzustimmen, wenn er fluchenden Smartphonenutzern entgegnet, dass noch das schlechteste Mobiltelefon der Welt ein Wunderwerk sei. Diesen Menschen sei entgegnet: Zuweilen ist das Bewusstsein für ein Gestern durchaus befriedend. Wer jeder dem zwangsläufig nur mehr kleiner werdenden Spielraum abgetrotzten Errungenschaft nur so lange Wertschätzung entgegenbringt, wie sie absolut störungsfrei funktioniert, outet sich nämlich nicht nur als undankbar – sondern bebürdet sich obendrein mit einer Wut, die in ihrer evolutionsrelationistischen Überheblichkeit so unangebracht wie unnötig ist. Doch wie überall gilt: Woran Mensch sich gewöhnt, das erwartet Mensch. Und kein Bit pro Sekunde weniger. Der moderne Mensch ist ein ungeduldiger Mensch: gehetzt, drängelnd, kundendienstscheltend. Zeit ist kostbar, das weiß der moderne Mensch, ergo ist sie zu nutzen, nicht zu verschwenden. Jede Sekunde des Wartens ist eine Sekunde, die die gefräßige Vergangenheit aus unserer Zukunft beißt. Ungenutztes Potenzial. Verschwendung. So weit, so pathetisch. Und doch handelt es sich bei den in Tweets und Raucherpausen untergebrachten Lamenti der notorischen Alltagsopfer nicht etwa um Carpe-diem’sche Mahnungen. Zwar sind Ohnmacht und Subordination zentrale Faktoren, wenn es um des (modernen) Menschen Unfähigkeit geht, Wartezeiten zu akzeptieren, dabei nimmt die Zeit aber nur vermeintlich die Rolle des Gegenspielers ein.

Zunächst allerdings zum Wesen der Ungeduld. Des Menschen Neigung zu ihr ist als Erkenntnis etwa so neu und erquicklich wie die, dass unterschiedliche Menschen unterschiedlich viel und laut klagen. Sehr wohl aber ist es hilfreich, sich dazu eines in aller Deutlichkeit ins Bewusstsein zu rufen: Die Qualität von Ungeduld ist maßgeblich von den Möglichkeiten ihrer Ausgestaltung abhängig. Wer die Zeit und die Geistesgegenwart besitzt, sämtliche digitalen und/oder sozialen Kanäle mit seinen Elegien zu bespielen, dessen Ungeduld geht in die Breite, nicht in die Tiefe. Sie behauptet, intensiv zu sein – ist aber lediglich extensiv. Jemand, der für ein Attest zwei Stunden im Warteraum einer Arztpraxis zubringt, wird mehr Zeit darauf verwenden, sich die Misslichkeit seiner Lage vor Augen zu führen als die Alleinerziehende mit Vollzeitjob, deren Antrag auf Zuwendung den Schwebezustand seit Wochen nicht verlassen hat. Im Gegensatz zum Leid, so das unbewusste Mantra der ewigen Nörgler, ist Lautstärke messbar.

Warten zu können ist Luxus. Luxus gebiert gelogene Bedürftigkeit.

Eigentlich interessant ist allerdings nicht das Verhältnis vom Ungemach zu dessen Bejammern, sondern die Frage, was die Grade gefühlter Dringlichkeit über des Menschen Kompensationsapparat aussagen. Denn, und hiermit sei der Gedanke von oben fortgeführt: Wer des einspruchslosen Wartens nicht fähig ist, offenbart zuvorderst eines: das fehlgeleitete Emanzipationsbestreben eines Menschen, der sich entmachtet wähnt. Der wartende Mensch wartet, weil ihn jemand warten macht. Wenn nicht absichtlich, so doch mindestens aus Unhöflichkeit, Fahrlässigkeit, Unverantwortlichkeit. Wer warten muss, wird in die Abhängigkeit gedrängt – und wer kann schon akzeptieren, am Fuße eines Hierarchiegefälles der Ankunft eines Zuges oder Päckchens zu harren? Nicht der mündige Wutbürger. So wird denn der wutentbrannte Anruf bei der Servicehotline zum Akt der Auflehnung und Selbstermächtigung. Was derjenige, der einem das Warten aufzwingt, eben dadurch an Macht gewinnt, wird ihm durch den verlautbarten Protest wieder aberkannt. Dies ändert an der Position des Wartenden selbstverständlich nichts – wohl aber an dessen Selbstwahrnehmung. Der Impuls, der dahinter steht, ist letztlich kein grundsätzlich anderer als jener, der Menschen dazu veranlasst, zänkische Protestkommentare ohne jedweden konstruktiven Anteil unter Onlineartikeln zu hinterlassen: Es geht um das Durchbrechen einer Machtstruktur. Mensch will sich nicht ohnmächtig fühlen, weder durch das Festsitzen am Umsteigebahnhof noch durch den Eindruck, Meinungen Andersdenkender unwidersprochen hinnehmen zu müssen. Still zu schweigen wäre, als stimmte man denen, die einen entmachten, noch zu: Ich habe nichts zu erwarten, nichts zu sagen. Ich habe die Umstände zu akzeptieren. Doch wenn der Bürger zum Verbraucher wird, hat die Akzeptanz ein Ende.

Eine Klarstellung sei der Vollständigkeit halber gemacht: Es geht in diesem Text nicht um Menschen, die ohne eigenes Zutun in eine Situation geraten sind, die sie zum Warten verdammt. Es geht nicht um Menschen, die an Grenzzäunen darben, nicht um Herzkranke, die den Tod eines Spenders auf schreckliche Weise herbeisehnen. Es geht nicht um Menschen, die nicht einmal mit Sicherheit sagen können, was sich auf der anderen Seite ihres Wartens befindet. Es geht um Menschen, deren Warteepisoden eines eint: Ihr Ausgang ist gewiss.* Und zwar aus einem Grund: Sie haben für diesen Ausgang bezahlt. Sie haben ein Ticket gekauft, eine Serviceleistung gebucht, Waren bestellt. Am Ende steht der Abschluss einer Transaktion, die sie eigens in die Wege geleitet haben. Diese Menschen haben sich selbst in eine Position gebracht, deren zwar nicht erwünschte, aber schlechterdings erwartbare Konsequenz Wartezeiten sind, die die den Optimalfall beschreibenden übersteigen. Sie haben sich selbst als Kunden definiert, nein: als Vertragspartner. Und als solche wollen sie geschätzt, nicht übervorteilt werden. Ihr Trotz gegen das Gefühl der Entmachtung wird dabei so raumgreifend, dass er sich ihrer rauschgleich bemächtig, und wie es Rauschzuständen nun einmal eigen ist, geht ein Sog von ihnen aus, der nur allzu geschwind süchtig macht. Dies führt dazu, dass sich peu à peu eine zusätzliche Art des Wartens in die Wartezeiten der Empörungsbereiten mengt: ein Warten im Warten. Ein Warten darauf, dass Dinge schieflaufen. Ein Warten auf Verzögerungen im Ablauf, die Anlass bieten, sich endlich wieder als standhafter Konsument zu beweisen, der sich nicht übertölpeln lässt.

Wir kommen, um uns zu beschweren, sang die Gruppe Tocotronic im Jahr 1996 und lieferte damit wohl nicht ganz freiwillig den Soundtrack einer zwei Jahrzehnte später auf ihrem larmoyanten Höhepunkt angelangten Beschwerdekultur. Mit dem verzweifelten Deutungseifer verkannter Epistemologen werden die Anzeichen der Entmachtung heute in alles hineingelesen, was nicht bei drei wahlweise auf den Bäumen oder fertig ist. Die Strenge, mit der noch die nichtigste Verzögerung als Blasphemie gegenüber der Allheiligkeit des Verbraucherrechts geahndet wird, hat regelrecht calvinistische Qualität – und könnte in ihrer Lächerlichkeit komisch sein. Könnte. Wenn sie nicht ein Klima allgemeiner Missgunst bedingte, in dem es nur noch Schädlinge und Geschädigte zu geben scheint, nicht Menschen und menschgemachte Systeme, deren Fehlerhaftigkeit eigentlich keiner Erklärung bedürfen sollte.

Rund 3,6 Mio. Sendungen bearbeitet DHL an einem Werktag. Es gibt Hochleistungs-DSL mitten im Wald. 5,5 Millionen Menschen nutzen täglich den Fern-, 30 Millionen den Nahverkehr. Es bedarf schon gestandener Egozentriker, um ein Stottern der Hochleistungskundenbefriedigungsmaschine als persönliche Schikane zu interpretieren. Nun ist es allerdings so, dass niemand leichter dem Egozentrismus anheimfällt als die profund Verunsicherten. Und derer scheint es dieser Tage so viele zu geben wie lange nicht. Umso wichtiger wäre es, keine Feindbilder aus Trivialitäten zu generieren. Streitbar sein: ja. Aber da, wo es Sinn ergibt.


* Natürlich ist hier keine absolute Gewissheit gemeint. Aber, gerade im Verhältnis, relative. Haben Sie sich mal nicht so.


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