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AFFEKT (LESPROBE)

Sie schien zu humpeln, aber das kann Einbildung gewesen sein. Sicher ist, dass sie einen Schatten warf. Das weiß ich, weil ich das Licht erinnere. Licht, das zum einen dem anbrechenden Tag geschuldet war, zum anderen einem Baustellenstrahler. Sie reißen den Boden auf, teeren. Sie nivellieren allerorten, wie asoziale, verkehrbehindernde Raupen durchkriechen Baustellen die Stadt. Mittendrin: diese Katze, beschienen von zweierlei Licht, das sich in puncto Verlogenheit nichts nimmt. Auf der einen Seite: ein Tag, der dreist behauptet, er beginne von Neuem. Auf der anderen: Austausch von Bodenbelag, vermeintliche Wiederherstellung: Etwas, das mal gut genug war, ist es nicht mehr und soll es wieder sein. Zwei Neuzustände, die tun, als seien sie Teile von Zyklen. Als ob. Als wäre es möglich, von vorn zu beginnen. Neuesspielneuesglück, ja ja. Zwei nächste Anläufe, die sich den Vintagemantel der Wiederholung überstreifen, des Althergebrachten und Bekannten, Retrotapete auf Rohbauwänden, denn was bekannt ist, hat man verstanden, und was man verstanden hat, muss niemand hinterfragen. Niemand kann von vorn beginnen. Aber das verstehen sie nicht, die Ab-ovo-Leugner, wollen es nicht einsehen, weil sie Bequemlinge sind, Amazon-sediert, feige und bestenfalls in ihrer Durchschnittlichkeit noch radikal. Reden den Mündern nach, die am lautesten schreien oder am besten blasen, die Vergangenheit verschwindet hinter Zukunftsangst und 280-Zeichen-Carpediems. The future has passed, ihr Idioten.

Man könnte fragen, weshalb ich rede, was ich rede. Nur fragen die Leute eben niemals den, den sie fragen sollten. Den, um den es in ihren Fragen geht. In diesem Fall: mich. Sie fragen wen anderes, sprechen über statt mit einander. Weil: Um Vorurteilen die unschöne Vor-Silbe abzubrechen, muss man sie nur im Rund der Gleichgesinnten bestätigen lassen. Salonfähigkeit leicht gemacht. Da du mich also niemals von selbst ansprechen würdest, lass mich die Initiative übernehmen. Ich weiß schon, was du kleingeistig in dich hineinmurmelst: Du findest, ich rede zu geschwollen. Tja. Darauf kann ich dir nur eines erwidern: Fuck off, du Clown. Entweder bist du schlichtweg dumm, und weder für deinen Intellekt noch für dein Bildungsniveau bin ich in die Verantwortung zu nehmen, oder du findest mich pathetisch, und das, hahaha, das ist der beste Witz, über den nie jemand lacht. Pathos, Überspitzung et cetera: Du hast das Recht verwirkt, über diese Dinge zu urteilen. Wer Übertreibung erkennen will, muss überhaupt erst mal wissen, wie die Dinge im Urzustand aussehen. Dabei interessiert dich doch nichts weniger als nüchterne Bestandsaufnahmen. Es übertreibt doch in deinen Augen nicht der, der Dinge aufbläht und zu mehr macht, als sie sind, sondern der, der Dinge sagt, die dir nicht passen.

Nehmen wir aber einfach an, du hättest eine tatsächlich sinnvolle Frage gestellt. Etwa: Warum bestehst du so vehement darauf, Vergangenes als abgeschlossen zu etikettieren? Zunächst: Gute Frage. Ich will sie dir beantworten. Aber vergiss nicht: Du hast gefragt. Und das kommt so selten vor, dass ich dich zwingen werde, dir die Antwort bis zum Ende anzuhören. Also: Weshalb das Plädoyer für sichtbare Schlussstriche? Ganz einfach. Weil Grabinschriften, die sich über Schlussstriche hinwegsetzen, unfassbar scheiße sind. Transzendentes Gefasel ist scheiße, Himmelfahrtsbehauptungen sind scheiße, von Wiedergeburt will ich gar nicht anfangen. Alles scheiße. Das hat mein Großvater nicht verdient. Klar bekommt er davon nichts mehr mit. Komm mir nicht so. Ich bin wirklich nicht bereit, mir von jemandem, der an Superfoods und Seelenverwandte glaubt, Esoterik vorwerfen zu lassen. Man kann jemandem durchaus gerecht werden wollen, ohne zu vermuten, er spähe einem als untotes Gasgebilde über die Schulter. Nur: Wie wird man jemandem gerecht, wenn sein Leben in einen Satz passen soll? Nein, nicht sein Leben. Sein Wesen. Das, was sein Leben aus ihm gemacht hat, beziehungsweise das, was er seinem Leben aus ihm zu machen verwehrt hat. Und warum überhaupt hat man mir diese Aufgabe angetragen? Acht Jahrzehnte Zwiespalt zwischen Duldung und Widerstand, ergriffenen und verpassten Gelegenheiten, edlen Absichten und menschlicher Natur – all das in einem verfluchten einzigen Satz?

Aus dem Stegreif ist das nicht zu schaffen. So unschön das ist: Ohne ein wenig in der Vergangenheit zu stochern, komme ich hier nicht weiter. Wie ich das meine? Lass mich halt ausreden. Du kannst dir ohnehin sparen, mich so zu drängen. Die Tagesschau wirst du sowieso verpassen. Ja, das Länderspiel auch. Ich wiederhole nachdrücklich: Du hast gefragt, und jetzt bekommst du eine Antwort. Eine tatsächliche Antwort, die nicht Paraphrase eines starräugigen Nickens und von dem Gefühl unterschiedbar ist, das du bekommst, wenn du deinen Schwanz massierst. Rhetorische Fragen à la Krieg ich noch einen? und Was haben DIE je für UNS getan? haben hier keinen Platz, ich bin ja nicht das Internet oder deine Stammkneipe. Sagen wir also, du hättest stattdessen Folgendes gefragt: Wie meinst du das: In der Vergangenheit stochern? Na geht doch.

Entgegen aller Überzeugung, dass das unter gewöhnlichen Umständen eine sinnvolle Beschäftigung ist, führe ich Tagebuch. Wenn du jetzt meinst, es sei qualvoll, aus jemandes Tagebüchern zitiert zu bekommen, versetz dich mal in meine Position. Nicht nur, dass ich, so es mir die Umstände nicht abverlangt hätten, niemals mit dem Aufschreiben von Innerlichkeiten begonnen hätte. Schwerer noch wiegt mein Schwur, das Notierte niemals wiederzulesen. Ich finde keine Befriedigung im Schreiben, verbinde nichts damit. Mit Schöngeisterei oder Kreativität hat das nichts zu tun, es hilft mir auf dieselbe Weise, wie es ein Taschenkalender tut: Es teilt Zeit und Welt in getrennte Einheiten. Tagebücher zu schreiben, um sie später wieder hervorzuholen, ist ideologischer Autoerotismus in Reinform und nicht essenziell von Masturbation zu Fotos von sich selbst zu unterscheiden. Entweder man ergötzt sich daran, wie originell man bereits damals gewesen ist, oder, was noch schlimmer ist, man zeiht das jüngere Selbst der Naivität. Das Gestern wird bezwungen, indem man einen seiner Bewohner herausgreift und im ungleichen Geisteskräftemessen schlägt. Was bezwungen ist, ist überwunden. Was überwunden ist, verlangt nicht mehr nach Rechtfertigung. Historisches Bewusstsein am Arsch. Zumal es die größte Heuchelei ist: Man gibt ein Interesse an der Vergangenheit vor, nur um sich selbst zu versichern, gänzlich mit ihr abgeschlossen zu haben. Also ernsthaft: Was dich langweilen mag, wird mir zur ausgewachsenen Migräne. Wenn das die ganze Sache für dich nicht mindestens ein wenig erträglicher macht, habe ich dich falsch eingeschätzt. Passiert mir allerdings selten. Was weniger an meiner Menschenkenntnis liegt als daran, dass die meisten Menschen sind wie die meisten anderen, und die sind sadistischer als sie selbst wissen. Dass die meisten meine Kritik wahlweise ignorieren oder verunglimpfen würden, ist klar, weil: Die meisten sind nun mal, the perfect Zirkelschluss, Teil der Mehrheit. Grundkurs Demokratie: Das Volk regiert sich nicht selbst, sondern die Mehrheit regiert Minderheiten. Dissidenten werden mit Discounterschlappen vor die Tür geprügelt. Kalte Füße und die Diktatur der Norm gehen Hand in Hand.

Zurück zum Tagebuch. Meine erste hypnopompe Erfahrung machte ich mit acht. Hypnopomp, so nennt man einen Erwachenszustand, in dem sich Realität und Traumwelt untrennbar durchdringen. Klingt irgendwie nach Trip, stimmt aber nur, wenn man einen der Sorte meint, nach dem man für immer mit Drogen aufhört. Ziemlicher Albtraum. Beziehungsweise: Albrealität. Das ist ja das Problem. Jeder kennt diese harmlosen Mindfucks, wenn Gefühle, die in Geträumtem wurzeln, in die Realität importiert werden, wo sie dann weiterbestehen, ohne Sinn zu ergeben, weil der Kontext geplatzt ist. Im schlimmsten Fall ist das unbequem, weitreichende Konsequenzen sind nicht zu erwarten, wenn man nicht losläuft, um jemandem, von dem man schlecht geträumt hat, eins auf die Fresse zu hauen. Bei mir war das alles etwas drastischer. Nicht zu wissen, auf welcher Seite des Aufwachens man sich befindet, jeden Tag über Jahre, kann ziemlich verstören. Was man als die echte Welt wahrnimmt, wird durchwirkt von Surrealem, von Geräuschen und Schatten und Gesichtern und Körpern, mal schemenhaft, mal gänzlich scharf. Halluzinationen, die dich da heimsuchen, wo du dich sicher fühlst, weil du fatalerweise annimmst, du seist wach. Die Angst davor, seit wer weiß wie lang einen Traum zu leben, nie wieder sagen zu können, was tatsächlich geschehen ist und was nicht, wird so mächtig, dass sie bald als toxischer Film über allem liegt: Realität, Traum, Dazwischen. Es entsteht ein groteskes Schichtwerk aus halluziden Grauzonen, die sich gegenseitig zitieren und einen Chor krächzender Souffleusen bilden, eine jede behauptend, den Weg zurück in die Realität zu weisen. Je mehr Formen das vermeintlich Verlässliche anzunehmen weiß, desto größer ist die Gefahr, die von ihm ausgeht. Jetzt übertreibt er aber, denkst du. Nein, tue ich nicht. Ich würde dir raten, über Dinge zu schweigen, von denen du keine Ahnung hast. Wohl eine Empfehlung, deren Aussicht auf Erfolg irgendwo zwischen Lottogewinn und dem Ende des Rollkragenpullovers rangieren dürfte. Erst recht, seit eine-Meinung-haben zur obersten Wutbürgerpflicht erkoren beziehungsweise das Recht auf eigene Meinung durch das Recht auf eigene Wahrheit ersetzt wurde. Trotzdem: Halt die Fresse. Jetzt rede ich. Also Tagebuch: Die Idee war nicht meine, sondern die eines Schlaftherapeuten, zu dem mich meine Eltern brachten, als sie in Ansätzen erahnen konnten, welche Ausmaße mein, ich nenne es: Twilight-Zone-Syndrom angenommen hatte. Besagter Therapeut riet dazu, das Aufwachen anhand eines Rituals zu bestätigen, ihm einen Fixpunkt in der Realität zuzuweisen, an den es gebunden werden konnte. Seiner Erfahrung nach sei insbesondere das Notieren tagesaktueller Eindrücke, Pläne und Ideen eine effektive Methode. Die Angst davor, ein Ritual zu etablieren, das sich seinen Weg in vielschichtige Träume bahnen und Teil von ihnen werden könnte, um alles nur noch schlimmer zu verkorksen, war so gewaltig, dass ich mich wochenlang gegen den Rat des Therapeuten sträubte. Warum ich schließlich doch damit begonnen habe? Ich vermute, aus demselben Grund, der immer und überall Maßnahmen akzeptabel erscheinen lässt, die vorher undenkbar waren: andauernde Unzufriedenheit mit dem Status Quo. Wer meint, etwas zu verlieren, und sei es der Verstand, wird verhandlungsbereit, was die Methoden der Gegenwehr angeht. Von heute aus kann ich sagen: Was mir geholfen hat, das Problem zu überwinden, war seine Schwere. Wenn Selbstoptimierung nicht zum Lifestyle hochgejazzt, sondern als Notwendigkeit begriffen wird, fällt sie schwer. Der Unterschied: Wenn es einem schließlich besser geht, ist man darauf nicht stolz. Man ist erleichtert. Eine Störung wie meine zu überwinden ist nicht, als liefe man einen Halbmarathon. Da ist kein Jubel, kein Beifall, kein Muskelkater, der an die Leistung erinnert. Keine Endorphine. Nur Erleichterung und die aggressiv schweigende Latenz des Rückfallrisikos.

Glücklicherweise sind die morgendlichen Notizen nie Teil meiner Träume geworden. Sie haben mir geholfen, mich womöglich vor dem Wahnsinn bewahrt. Und weil ich seitdem gecheckt habe, dass selbst das unzweifelhaft Reale mehr als ausreicht, um einen wahnsinnig zu machen, habe ich das Notieren nie eingestellt. Im Gegenteil. Heute notiere ich alles, was mich umtreibt und umgibt. Meistens ist das die Dummheit der Leute. Das Auseinanderschreiben von Schlaf und Wach ist, wenn auch unverändert beruhigend, bloße Routine geworden. Das Erfassen der aufdringlichen Bedeutungslosigkeit, mit der die Menschheit ihr Dahinsiechen rechtfertigt und schmückt, hat dagegen kathartische Qualität und ermöglicht mir, die Welt in ihrer ganzen Lächerlichkeit zu erkennen. Sprich: Sie zu sehen, wie die meisten sie zu sehen sich weigern. Klingt arrogant? Ist es auch. Aber mit Recht. Den Durchblick hat nicht der, der sicher ist, sondern der, der in Frage stellt. Sehen leider nur wenige so. Die meisten sind sich der Dinge, die sie annehmen und von sich geben, ziemlich sicher. Sie irren. Sie irren lustvoll und in your face und dergestalt sophistisch, dass die Frage danach, wen sie eigentlich verarschen wollen, kaum mehr Sinn ergibt, weil sie alles und jeden verarschen, sich selbst eingeschlossen. Innere Sicherheit, äußere Sicherheit, sie halten sich für Minister, geben sich als Ministranten und verwalten die Wahrheit des Tages, als gäbe es nur eine. Knien sich mit geschlossenen Augen vor Menschen mit runtergelassener Hose und wundern sich nicht mal, wenn die Oblate nach Pisse schmeckt. Schnitt, Jahre später: Hätten wir das gewusst! Hättest du jemals in Betracht gezogen, etwas mal nicht zu wissen: Das wäre gut gewesen. Aber nein. Natürlich nicht. Überzeugungen sind Billigmöbel: schnell aufgebaut, vermeintlich solide, solange niemand dran rüttelt, und de facto selten von hoher Qualität. Außerdem gleichen sie sich letztlich alle irgendwie. Das ist so brutal öde. Angestrengt und anstrengend.

Ich bin eventuell abgeschweift. Zurück zum Ende, das der Anfang meiner Ausführungen war: Tod. An sich eine binäre Angelegenheit, komatöse Stadien mal ausgenommen, aber eine mit Rattenschwanz. Mehr noch als zu Lebzeiten wird ein Mensch im Tod zu diversen, mitunter grotesk verzerrten Versionen seiner selbst. Er wird Spielball der Bedürftigkeiten und erinnert, wie es den Erinnerern passt. Wie sie es brauchen. Wie es sich besser macht, wenn man davon erzählt, erst anderen, dann sich selbst. Die Erinnerung an einen Menschen wird ersetzt von der Erinnerung an eine Erzählung. Im Leben ein Pass – ein Palimpsest im Tod. Traurig, aber naheliegend. Verwerflich? Kann ich nicht sagen. Ist auch eine müßige Frage. Es ist jedenfalls meines Großvaters unwürdig. Er war, wenigstens oder ganz besonders zu mir, immer schwer in Ordnung. Er hat sich nie bemüht zu sein, was man einen guten Menschen nennt. Er hat sich bemüht, das Richtige zu tun, selbst wenn man ihn dafür verachtete. Bestimmt war er kein barmherziger Samariter. Aber einer, der für seinen engsten Kreis gesorgt hat. Dass nicht jeder seine Hilfe annehmen wollte, war nicht sein Problem und er hat es nicht zu seinem gemacht. Auch dafür schätze ich ihn. Familienbande sind keine Verpflichtung, sondern ein Vorschlag. Ich bin davon überzeugt, dass mein Großvater gut war. Auf seine Art. Ein kerzengerader, zuweilen barscher Mann voller Eindeutigkeit. Einer, der einen Scheißdreck auf das öffentliche Urteil gegeben hat.

Die Frage ist: Wie sagt man das so, dass es auf einen Grabstein passt? Wie klingt ein Satz, der mal ein Mensch war? Was bleibt, sind sowieso Narrative. Sprich: Strategien der Rechtfertigung, der Begründung, des Klarkommens. In Stein gemeißelt: funktioniert als Sinnbild; tatsächliche Meißeleien sind bedeutungslos. Selbst wenn sie gelesen werden. Trotzdem muss da ja irgendwas stehen.

Dann wollen wir mal. Ja: wir. Du denkst, ich hätte dich vergessen. Als könnte ich das.